Bahnsport, was ist das?

Bahnsport - das ist ein Überbegriff für vier völlig unvergleichliche Sparten des Motorradsports, die es seit Anfang der Zwanziger Jahre gibt: Speedway, Sandbahnrennen, Grasbahnrennen und Eisspeedway. Letzteres wird auf Natureis oder in Kunsteisstadien ausgetragen, die drei "Sommer"-Bahnsportarten werden auf abgesteckten Ovalkursen mit fester Grasnarbe oder auf verdichtetem Sand betrieben. Zwischen 400 und 1000 Metern sind die Speedway- und Langbahnen (Sand- und Grasbahnen) kurz; kurz sind auch die Renndistanzen (4 Runden), aber dafür umso spannender für die Zuschauer: In den Stadien ist für den Fan das gesamte Renngeschehen zu überblicken; die manchmal mehr als 25 Rennläufe pro Veranstaltung werden kompakt nacheinander ohne große Pausen abgewickelt.

Die Fahrer starten mit Einzylinder-Viertakt-Motorrädern mit 500 ccm Hubraum, ohne Bremsen (!), beim Speedway auch ohne Schaltgetriebe, auf der Langbahn nur mit einem Zweigang-Getriebe. Die Spezialmotorräder für Bahnrennen haben eine besonders umweltfreundliche Technik: Als Kraftstoff ist ausschließlich Methanol zugelassen, das fast rückstandsfrei verbrennt, geschmiert werden die Motoren mit rein pflanzlichen Ölen. Mit diesen "Geräten" werden auf der Sandbahn Höchstgeschwindigkeiten von 180 km/h erreicht. Wie gesagt ohne Bremsen driften die Aktiven durch die Kurven, indem sie den rechten Fuß auf einem Steigbügel fixieren und mit dem linken, der durch einen Stahlschuh geschützt wird, über den Bahnbelag balancieren.

Während im Speedway Skandinavier und Engländer (Sand), sowie Russen und Schweden (auf Eis) schier unschlagbar sind, führen unsere deutschen Stahlschuhritter auf den Sand- und Grasbahnen, die traditionell schon vor dem Krieg sehr populär waren, die Weltelite an. Auch bei den Seitenwagen sind deutsche Gespanne international führend.

 

 

Ein kleines Stück Bahnsport-Geschichte

Seit der Erfindung des Motorrads ging es vielen Leuten darum, die Maschinen zu verbessern und leistungsfähiger zu machen. Wo konnte man den Erfolg der Arbeit besser ausprobieren als auf einer Rennbahn! Mit 5 PS unter dem Sattel machte man sich auf zu atemberaubenden Rennen. In England schon längst erfolgt, wurden in Deutschland Mitte der 20er Jahre Motorsportvereine gegründet, die sich vor allem im süddeutschen Raum mit der Austragung von Bahnrennen beschäftigten. Diese Veranstaltungen wurden auf abgemähten Wiesen oder auf den zahlreichen Trabrennbahnen durchgeführt. Spezialmotorräder gab es zur damaligen Zeit noch nicht, jeder Fahrer brachte das Material an den Start, das er für das beste hielt. Schon in diesen Jahren wurde getüftelt, gebastelt und geschraubt, um in den unterschiedlichen Hubraumklassen einen Platz im Vorderfeld zu belegen.

Hauptsächlich wurden Motoren aus England eingesetzt, mit klangvollen Namen wie Rudge, AJS und Norton, aber auch schwedische Husquarna-Maschinen kamen an den Start. Erfolgreich waren auch die Fabrikate von NSU, Puch und Horex, sogar die Boxer-Motore von BMW fanden Einzug bei den Bahnrennen. In den 30er Jahren entwickelte sich eine Fahrergeneration, die den Bahnsport prägen sollte. Martin Schneeweiss, Fritz Dirtl und Josef Kamper fuhren für Osterreich in die Spitze der Weltelite. Die schnellsten deutschen Bahnfahrer waren der Stuttgarter Gunzenhauser, Rudi Münzloher aus Burghausen und Sepp Giggenbach aus Mühldorf. Auch sie haben viel experimentiert und aus ihren Motoren immer mehr Leistung geholt, weshalb auch die Fahrwerke verbessert werden mußten. Martin Schneeweiss baute die erste Kleinserien-Sandbahnmaschine mit Hinterradschwinge, die ihre Federung durch starke Gummiringe erhielt. Rudi Münzloher verschob die Dämpfung der Hinterachse weiter nach vorne und konstruierte eine bewegliche Lagerung des Kettenrades. Alles wurde in präziser Handarbeit gefertigt.Im Laufe der Jahre setzte sich die Idee durch, dass Einzylinder-Motore mit 500 ccm auf den Sand- und Grasbahnen den Ton angeben sollten. Ein englisch und mit JAP-Motoren 1966 - 68 die EM-Krone erringen.

Viele Fahrer hatten in diesen Jahren ein weißblaues Emblem mit den Buchstaben SGM (Sepp Giggenbach Mühldorf) am Tank angebracht, stammten doch aus dieser Werkstatt die getunten Motoren und die Fahrgestelle, gebaut in Zusammenarbeit mit Fred Aberl. Fred Aberl konstruierte er ein kürzeres und niedrigeres Fahrgestell mit Zentralfederung, das durch Öldruckstoßdämpfer seine Stabilität erhielt. Mit diesen Maschinen erreichte Wack Hofmeister von 1958 - 60 den Europameistertitel. Ebenfalls mit diesem Material waren Sepp Seidl, Sepp Unterholzner, Hans Zierk und Josef Sinzinger ausgerüstet, sowie u.a. Ove Fundin aus Schweden. Nachdem Hofmeister den Stahlschuh an den Nagel gehängt hatte, trat einige Jahre später Manfred Poschenrieder in seine Fußstapfen. Trotz der Bemühungen des Engländers Alf Hagon, ein noch besseres Fahrgestell zu entwickeln, konnte Poschenrieder auf dem Aberl-Fahrwerkext-align:justify">Als 1971 erstmals um den WM-Titel gefahren wurde, begann sich das Motoren-Karussell erst richtig zu drehen.

Die JAP-Motoren schienen überholt, die tschechischen JAWA-Werke brachten schnellere Maschinen auf die Bahn. Ihnen folgten die Aggregate von Weslake, Godden, GM und der Roth-Motor. Damit begann die große Zeit von Ivan Mauger, Egon Müller, Alois Wiesböck, Simon Wigg, Karl Maier und dem letzten deutschen Weltmeister Gerd Riss. Diese Fahrer haben mit den oben genannten Motoren 15 WM-Titel erreicht, aber auch die Ex-Weltmeister Anders Michanek, Michael Lee, Ole Olsen, Shawn Moran und Erik Gundersen haben zum Ansehen des Bahnsports beigetragen. Die technisch ausgereiften Langbahn-Maschinen erreichen eine Leistung von ca. 75 PS und ermöglichen Durchschnittsgeschwindigkeiten bis zu 130 km/h, Ergebnis jahrelanger feiner Entwicklungs- und Tuningarbeit. Tüfteln, basteln und schrauben waren und bleiben wohl die wichtigsten Tätigkeiten für die Akteure und ihre Mechaniker. Vielleicht liegt gerade darin der Reiz unseres Bahnsports. Hoffentlich haben die Zuschauer noch lange Freude an Neukonstruktionen, am Methanolgeruch und an Sandbahn-Staub. Um die Geschichte des Bahnsports lückenlos zu schreiben, bedürfte es mehrerer Bücher. Wie anfangs erwähnt soll es nur ein Auszug daraus sein, eine kleine Geschichte über tüfteln, basteln und schrauben, über Menschen, die mit Begeisterung ihre Motorräder ans Startband brachten und bringen. Bahnsport - hoffentlich eine unendliche Geschichte.